Hütte

70 Jahre Alpenverein Sektion Rottenmann

Lange schon bevor in Rottenmann eine Sektion des Österreichischen Alpenvereines gegründet wurde, begeisterten sich in unserer Stadt Menschen für die Berge und das Bergsteigen. So etwa gab es bereits Ende der 1930er Jahre einen ersten Gedankenaustausch zwischen den Bergfreunden  über die Errichtung einer Schutzhütte. Unter heute nicht mehr vorstellbaren Bedingungen erforschten solche Bergsteiger sommers wie winters unsere wunderschöne Heimat. Die heute so beliebten Schitourengebiete wie die Gulling, Mörsbach oder die Planner, unter Insidern schon damals als der „steirische Arlberg“ bezeichnet, waren ihre alpine Heimat. Auch die Gesäuseberge und der Dachstein waren nicht nur den Wiener Kletterern vorbehalten. Die Brüder Hans und Paul Pilz sowie der exzellente Kletterer Stanko Clemens begingen in dieser Zeit bereits den Steinerweg in der Dachstein-Südwand, durchstiegen den Reichenstein-Nordpfeiler oder wagten mit Schiern die Erstbefahrung der Fluderrinne von der Gamsfeldspitze.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass es am 20. Juni 1946 im Gasthof Lindmayr durch Hans Pilz zur Gründung der Sektion Rottenmann des damaligen sogenannten „Steirischen Gebirgsvereines“ kam. Die ordentliche Gründungsversammlung am 16. Juli 1946 konnte die stattliche Anzahl von 41 Mitgliedern begrüßen. Im Jahr 2015 sind wir bereits auf beinahe 600 Mitglieder angewachsen.

Hochmotiviert durch die Neugründung einer eigenen Sektion wurde bereits im August 1946 eine Großglocknerfahrt organisiert. Des Weiteren wurde von den Gründungsmitgliedern 1948 nicht nur ein bis heute vorhandenes Gipfelkreuz auf der Hochhaide aufgestellt, sondern aus touristischer Überlegung auch die Jägerscharte versichert.

In Gesprächen mit dem Rottenmanner Notar Dr. Hans Sünkel und der Flick’schen Forst- und Gutsverwaltung als Grundbesitzer wurde der Sektion ein ausreichend großes Grundstück in Form eines Schenkungsvertrages sowie die Überlassung des Wasserrechtes zur Versorgung der Hütte zu einem symbolischen Betrag von ÖS 10,– praktisch als Geschenk überlassen.

An den westlichen Ausläufern des Hirschriedels sollte die Rottenmanner Hütte an lawinensicherer Stelle entstehen. Sie sollte auf einem gemauerten Kellergeschoß in Holz-Vollbauweise errichtet werden.
Nur unter größter Beteiligung der Rottenmanner Bevölkerung konnte dieses Hüttenprojekt realisiert werden. So wurden etwa unzählige Schulwandertage dazu verwendet, um alle Ziegel zur Baustelle zu bringen. Der Keller wurde händisch ausgegraben und die Steine für das Kellergeschoß aus dem Aushubmaterial gewonnen. Auch das Holz, das auf einer mobilen Säge geschnitten wurde, kam aus der Umgebung. Eine Wasserquelle musste gefasst werden und bereits im Herbst 1952 konnte die Dachgleiche gefeiert werden. Im Jahr darauf wurde die Hütte feierlich eingeweiht und eröffnet.

Am 4. Dezember 1955 übernahm der aus Graz kommende junge Geometer und aktive Bergsteiger Ing. Franz Jaindl die Geschicke der Sektion. Bis zu seinem tragischen Tod im Jahr 1972, als ihn ein Flugunfall aus dem Leben riss, leitete er die Sektion in eine Zeit großer Aktivität. Es wurde eine Jugendgruppe gegründet, aus der sich alsbald unter Führung von Kurt Zeitler eine engagierte Jungmannschaft entwickelte. Viele zum Teil schwierige Touren wurden durchgeführt. Nicht zu vergessen das Sonnwendfeuer, das seit damals jährlich organisiert wird.

Leider ist auch unsere Sektion von Unglücksfällen in den Bergen nicht verschont geblieben:1959 haben wir
vier unserer Kameraden bei Kletterfahrten und Schitouren verloren. Zum Gedenken wurde zu Pfingsten 1960 ein Gipfelkreuz am Stein am Mandl errichtet und seit damals finden regelmäßig Bergmessen statt.

Auf das Konto von Ing. Franz Jaindl gehen auch der 1960 errichtete Fahrweg bis zur Materialhütte und der 1962/63 durchgeführte Bau einer Materialseilbahn.

Aufgrund ihrer reisefreudigen Mitglieder konnte sich die Sektion alpinistisch sehr gut entwickeln. So wurde1968 nicht nur die erste erfolgreiche Rottenmanner Hindukusch-Expedition organisiert, sondern im Jahr darauf gelang auch die Schi-Erstbefahrung des Damavand im heutigen Iran. Der Aconcagua zählt genauso zu den erreichten Zielen wie die Besteigung des Pik Lenin. Begehrte Destinationen wie die Cordillera Blanca in Südamerika oder andere Trekking- und Expeditionsgebiete in Nepal, Ladakh, Tibet oder Bhutan sind seither laufend besucht worden.

Die Zeit bleibt nicht stehen und damit steigen die Ansprüche und Anforderungen. So entstand unter dem 1.Vorsitzenden Ing. Heinrich Swoboda (1972–1988) im Jahr 1973 ein neues Kraftwerk mit verbesserter Leistung und einem ansehnlichen Krafthaus. Auch an der Materialseilbahn waren laufend Verbesserungen erforderlich. Das 1960 errichtete Holz-Gipfelkreuz am Stein am Mandl fiel der Witterung zum Opfer und wurde 1979 durch eine Stahlkonstruktion ersetzt.

Eine tragische Zäsur bildete der 30. Jänner 1982, als eine Lawine von der Stein-am-Mandl-Ostflanke nach tagelangen heftigen Schneefällen mit anhaltender Westströmung unsere Hütte in sprichwörtliche Fetzen zerriss. Groß war zunächst der Schock – er wurde aber schon nach kurzer Zeit von Ideen für einen Neubau abgelöst. Trotz aller Konsequenzen, die ein Neubau mit sich bringt, entschloss man sich unter dem Vorsitzenden Ing. Heinrich Swoboda und mit großer Unterstützung durch Baumeister Hans Pilz für die Neuerrichtung.

Neben den zu überwindenden bürokratischen Hürden – Bewilligungen für Widmung, Bau, Naturschutz, Rodung und Grundtausch – waren auch im operativen Bereich Vorbereitungen zu treffen. Mit der Verlängerung der Materialseilbahn, dem Finden und Neufassen einer Quelle sowie der Verlängerung der Leitung für die Energieversorgung war der Grundstein für den Baubeginn gelegt. Mit einem Schreitbagger zum Aushub der Fundamentgrube und mithilfe der Materialseilbahn zum Transport sämtlicher Materialien konnte die zweijährige Bauphase beginnen. Wie schon 1952 bei der ersten Hütte so wurden auch jetzt wieder tausende freiwillige Arbeitsstunden geleistet, die im Herbst 1984 zur Eröffnung der neuen Rottenmanner Hütte führten.

Die Ära des Vorsitzes durch Ing. Heinrich Swoboda ging 1988 zu Ende und ein nicht minder baufreudiger Karl Schnuderl übernahm die Sektion, deren Vorsitz er bis heute innehat. Eine stabile Einhausung der Talstation unserer Materialseilbahn und ein Zubau zur Lagerung von Materialien für die Hütte wurden im Jahr 1989 realisiert.

Da der Gastraum der Rottenmanner Hütte nur etwa 30 Personen bequem Platz bot, wurde ein südseitiger eingeschoßiger Zubau als Jugend- und Nichtraucherraum geplant und in Eigenregie hergestellt. Die Fertigstellung erfolgte 1991, wobei der damalige Hüttenwirt Heiner Exenberger gemeinsam mit dem Hüttenwart Walter Peer und Obmann Karl Schnuderl in hunderten freiwilligen Arbeitsstunden den operativen Teil erledigte.

Über die Jahre hatten wir für unsere Sektion verschiedene Räumlichkeiten als Vereinslokal benutzt und waren auf der Suche nach einer festen Bleibe. Im Herbst 1995 ergab sich die Möglichkeit, in einer größeren Immobilie am Rottenmanner Hauptplatz ein Mietobjekt zu finden und einen Vertrag abzuschließen. Die Planung sah vor, neben einem Klublokal mit Kochnische und Toilettenraum auch eine Indoor-Kletterwand zu installieren.

18 Monate lang leisteten 24 MitarbeiterInnen großartige freiwillige Arbeit, sodass im Frühjahr 1997 das neue Klublokal mit dem Paltentaler Kletterzentrum eröffnet werden konnte. Wieder war ein Meilenstein gelungen, der unsere Sektion als Hort vieler selbstloser IdealistInnen ausweist. Heute werden unter der Führung von DI Hanspeter Tilg mit seinen Helfern Florian Kronberger und Michael Brunbauer drei Gruppen beim Kinderklettern übers Jahr betreut.

Auch am alpinistischen Sektor, wohl ein Kernthema des Alpenvereines, hat sich in den späten 1990er Jahren einiges getan. Neben schwersten Touren im Gesäuse durch Erich Hafner und Gerhard Rohm wurden von Mitgliedern unserer Sektion sowohl in Pakistan und Chile als auch in Nepal einige schöne 6000er erreicht. Zwei Gruppen schafften in Ladakh den äußerst anspruchsvollen Parang La Trek inklusive 6000er-Gipfelbesteigungen.
Für alle interessierten Bergwanderer und Schtourengeher gibt es die Möglichkeit, an den in der Sommer- und Wintersaison ausgeschriebenen Touren teilzunehmen. Ein speziell geschulter Tourenführer oder erfahreneTourenführerin sorgt für die Sicherheit der Teilnehmer.

Auch auf der Rottenmanner Hütte gab es kein Rasten: 1999 wurde ein Holzhüttenzubau realisiert, 2001 wurde die Druckrohrleitung für unser E-Werk durch ein durchgehendes Kunststoffrohr mit 150 mm Durchmesser ersetzt und im Jahr 2002 finanzierte die Flick’sche Forstverwaltung die Neuerrichtung des Aufstiegsweges zur Hütte.

2004 konnte nach langer Planung der Pilgerweg der Weltreligionen mit 12 Stationen realisiert werden. KünstlerInnen aus sieben europäischen Staaten haben an diesem Projekt mitgewirkt. Erich Knapp war für den künstlerischen, Sepp Ahornegger für den finanziellen und Fritz Iglar für den logistischen Bereich zuständig. Unter Obmann Karl Schnuderl wurde der Pilgerweg erweitert und umfasst 2016 bereits 15 Stationen. Dieses kulturelle Highlight wird in einigen Büchern beschrieben und trägt auch zur Belebung der Hütte bei.

Als im Jahr 2004 die Behörde den Entzug der Benützungsbewilligung für unsere Materialseilbahn anordnete, wurde die Versorgung der Hütte zum brennenden Problem. Die Entscheidung fiel zugunsten einer Materialseilbahn mit elektrischem Antrieb. Das bedeutete im ersten Schritt ein neues, tiefer gelegenes Krafthaus mit neuen Steuerschränken, verlängerter Druckrohrleitung und einem 1.650 m langen verstärkten Erd-Elektrokabel bis zur Hütte. An die 3.500 freiwillige Arbeitsstunden sind während der einjährigen Bauzeit in dieses Projekt eingeflossen.

Der danach folgende Bau der Seilbahn mit allen Konsequenzen einer alpinen Baustelle dieses Ausmaßes bedeutete zwei Jahre Bauzeit bzw. die „besenreine“ Fertigstellung nach drei Jahren, 6.500 freiwillige Arbeitsstunden, die Entsorgung von acht Tonnen Altmaterial ins Tal und noch viele weitere Anstrengungen. Die Einweihung im Juli 2006 war das Ergebnis einer grandios geleisteten Teamarbeit. Die Planung oblag Georg Steinbichler, die Finanzen erledigte Karl Schnuderl und für den operativen Bereich zeichnete Fritz Iglar verantwortlich.

Für den Vereinssitz in Rottenmann brachten die Jahre ab 2008 ebenfalls eine recht intensive Phase. Denn zunächst wurde die Liegenschaft Hauptplatz 110 erworben, jenes Gebäude, in dem wir damals bereits seit 13 Jahren unser Paltentaler Kletterzentrum betrieben. Erneut hatten wir Umbauarbeiten zu leisten: Von 2009 bis 2011 flossen 3.300 freiwillige Arbeitsstunden in die operativen Maßnahmen. Eine sprichwörtliche Ruine wurde in dieser Zeit in ein Schmuckstück verwandelt. Unglaublich, was hier geschafft wurde!

2015 haben wir auch für die Verleihung des Umweltgütesiegels für Alpenvereinshütten angesucht. Die Grundpfeiler dieses Siegels sind eine Versorgung mit sauberer Energie sowie eine effiziente und umweltgerechte Wasserver- und Abwasserentsorgung. Um das nötige Minimum von 25 der insgesamt 75 möglichen Punkte zu erreichen, sind 111 Vorgaben des Kriterienkataloges zu beachten und zu bearbeiten.

Viele Dinge gehen am Betrachter unbemerkt vorbei, bedeuten aber einen sehr großen Aufwand. Unser Arbeitsgebiet umfasst nicht nur 140 Wegkilometer, die entsprechend bezeichnet und markiert sind, sondern auch unsere 5,5 km lange Zufahrtsstraße zur Talstation erfordert viel Einsatz.

So wird sich 2016 mit der Einweihung von zwei weiteren Skulpturen an unserem Pilger- und Bildungsweg der Religionen insofern der Kreis schließen, als wir das Jubiläum „70 Jahre Sektion Rottenmann“ feiern können. Ohne all diese zuvor beschriebenen Aktivitäten zahlloser engagierter Menschen würden weder die Sektion mit ihrem schönen Vereinslokal noch unsere Rottenmanner Hütte in diesem glänzenden Licht dastehen.

Das Jubiläum 70 Jahre Alpenverein Rottenmann wird heuer im Sommer mit einer Reihe von Veranstaltungen gebührend gefeiert. In der nächsten Ausgabe des Stadtkurier werden die geplanten Veranstaltungen  zeitnah für den Sommer 2016 vogestellt.

Erich Werner Knapp
Alpenverein Rottenmann